by Alexander Lettner
by Alexander Lettner
Die Wissenschaft hinter guten Ideen · Psychological Ownership und Mitgestaltung
Wem gehört eine Idee?
Warum Menschen eine starke Verbindung zu ihren Ideen entwickeln, wie daraus gemeinsames Engagement entstehen kann und weshalb Anerkennung, Mitgestaltung und Übergaben zusammengehören.
Wissenschaftlicher Fachartikel · Themen: Psychological Ownership, Ideenmanagement, Mitgestaltung, Innovationsprozesse
1. Einleitung: Die Reise einer Idee
Eine Mitarbeiterin bemerkt ein Problem, das im Unternehmen schon länger besteht, und sie beginnt, sich intensiver damit zu beschäftigen. Sie entwickelt einen Lösungsansatz und reicht ihn als Idee ein. Damit beginnt die Idee ihre Reise durch die Organisation.
Ein Kollege ergänzt einen wichtigen Aspekt, während ein Mentor eine zentrale Annahme hinterfragt und ein Fachexperte einen Teil der vorgeschlagenen Lösung verändert. Weitere Mitarbeitende unterstützen den Vorschlag, und nachdem die Idee ausgewählt wurde, übernimmt ein Projektteam die weitere Ausarbeitung. Einige Monate später unterscheidet sich die umgesetzte Lösung deutlich von dem Vorschlag, der ursprünglich eingereicht wurde.
Im Unternehmen heißt es schließlich, dass gemeinsam eine neue Lösung entwickelt wurde. Aber wem gehört diese Idee eigentlich?
Gehört sie der Mitarbeiterin, die sie ursprünglich hatte, oder gehört sie den Menschen, die sie weiterentwickelt haben? Gehört sie dem Team, das sie umgesetzt hat, oder gehört sie irgendwann einfach dem Unternehmen?
Dabei geht es nicht um die juristische Frage, wem eine Idee rechtlich gehört, sondern um die psychologische Frage, welche Verbindung Menschen zu Ideen entwickeln. Menschen können etwas als „meins“ empfinden, obwohl es ihnen rechtlich gar nicht gehört, und dieses Gefühl kann auch bei Ideen entstehen.
Genau an dieser Stelle geraten viele Organisationen in einen Widerspruch, der selten offen ausgesprochen wird. Einerseits wünschen sie sich Ideengeber, die für ihre Idee brennen, Verantwortung übernehmen und nicht beim ersten Gegenwind aufgeben. Andererseits erwarten sie von denselben Menschen, dass sie ihre Idee bereitwillig verändern lassen, Kritik annehmen und sie irgendwann an andere übergeben. Wer zu sehr an seiner Idee hängt, gilt schnell als schwierig, und wer zu wenig daran hängt, gilt als wenig engagiert.
Der gut gemeinte Rat lautet dann oft, man müsse seine Idee eben auch loslassen können. Doch wie soll jemand eine Idee loslassen, für die er sich gerade deshalb eingesetzt hat, weil sie seine ist? Und warum sollten sich andere mit derselben Energie für eine Idee einsetzen, die ihnen nie gehört hat?
Die Verbindung zur Idee ist damit Antrieb und Hindernis zugleich. Daraus ergibt sich die Forschungsfrage dieses Kapitels:
Wie verändert sich das Psychological Ownership einer Idee, wenn andere Menschen an ihrer Weiterentwicklung beteiligt werden, und welche Folgen hat das für Engagement, Zusammenarbeit und Umsetzung?
2. Theoretische Grundlagen: Warum sich eine Idee wie „meine“ anfühlt
Vier Forschungsstränge helfen, diese Frage zu beantworten.
Warum sich eine Idee wie „meine“ anfühlt
In der Organisationspsychologie beschreibt der Begriff Psychological Ownership einen Zustand, in dem Menschen etwas als „meins“ empfinden, unabhängig davon, ob sie es rechtlich besitzen. Wir verwenden im Folgenden den englischen Fachbegriff, weil sich eine deutsche Entsprechung wie „psychologisches Eigentum“ kaum durchgesetzt hat.
Pierce, Kostova und Dirks beschreiben drei Wege, über die dieses Gefühl entstehen kann. Menschen entwickeln Psychological Ownership, wenn sie Kontrolle über etwas ausüben, wenn sie etwas sehr gut kennenlernen und insbesondere dann, wenn sie einen Teil ihrer eigenen Zeit, Energie oder Persönlichkeit darin investieren.
Diese drei Wege sind für das weitere Kapitel wichtig, weil sie nicht nur erklären, warum ein Ideengeber eine Verbindung zu seiner Idee spürt. Sie zeigen auch, auf welchen Wegen andere Menschen später eine eigene Verbindung aufbauen könnten.
Bei einer selbst entwickelten Idee ist vor allem der dritte Weg naheliegend, weil eine Idee selten fertig vom Himmel fällt. Jemand beobachtet ein Problem, verbindet vorhandenes Wissen miteinander, verwirft erste Lösungsansätze und entwickelt schließlich einen Vorschlag.
Wenn die Idee schließlich ausgesprochen oder eingereicht wird, steckt deshalb bereits ein Teil der eigenen Arbeit darin, und genau diese Selbstinvestition lässt Psychological Ownership entstehen.
Diese Verbindung ist zunächst sogar hilfreich. Eine Meta-Analyse von Zhang und Kollegen, die 141 Studien zusammenfasst, zeigt, dass Psychological Ownership mit besserer Arbeitsleistung und mit freiwilligem Engagement über die eigentlichen Aufgaben hinaus zusammenhängt. Dieselbe Meta-Analyse zeigt aber auch eine Schattenseite, denn Psychological Ownership hängt ebenso mit territorialem Verhalten zusammen.
Die naheliegende Forderung, Ideengeber müssten ihre Ideen einfach „loslassen“, greift deshalb zu kurz, weil gerade ihre Verbindung zur Idee ein wichtiger Teil ihres Engagements sein kann. Das eigentliche Problem beginnt an einer anderen Stelle.
Wenn „meine Idee“ zum Territorium wird
Stellen wir uns vor, ein Kollege beschäftigt sich mit der eingereichten Idee und schlägt vor, einen wesentlichen Teil anders zu lösen. Sachlich betrachtet ist dieser Vorschlag ein Beitrag zur Weiterentwicklung, psychologisch kann derselbe Vorschlag jedoch als Eingriff wahrgenommen werden.
An dieser Stelle kann Psychological Ownership in territoriales Verhalten übergehen, wenn Menschen etwas, das sie als ihr psychologisches Territorium betrachten, gegenüber Eingriffen anderer abgrenzen.
Das Problem besteht also nicht darin, dass jemand sagt: „Das ist meine Idee.“ Problematisch wird es, wenn daraus die Haltung entsteht: „Das ist meine Idee, deshalb darfst du sie nicht verändern.“
Brown und Baer untersuchten in zwei Experimenten, was passiert, wenn jemand eine Idee zur Diskussion stellt und dabei deutlich macht, dass es seine Idee ist, über die er die Kontrolle behalten möchte. Im Alltag könnte das etwa so klingen: „Ich freue mich über Feedback, aber die Grundrichtung steht.“ Im Durchschnitt fiel das Feedback der anderen unter solchen Bedingungen weniger kreativ aus.
Interessant ist allerdings, dass dieser Effekt nicht bei allen Menschen gleich war. Personen, die sich eher als eigenständige Einzelne verstehen, reagierten auf solche Markierungen mit weniger kreativem Feedback. Bei Personen, die sich stark über ihre Beziehungen zu anderen definieren, konnte dieselbe Markierung das Feedback dagegen sogar verbessern, möglicherweise weil klare Zuständigkeiten für sie eher Orientierung als Abgrenzung bedeuten.
Territorialität ist also nicht einfach dasselbe wie Psychological Ownership, und sie wirkt auch nicht in jeder Situation gleich. Damit verschiebt sich die zentrale Frage. Wenn die Lösung nicht darin besteht, dass der ursprüngliche Ideengeber seine Verbindung zur Idee aufgibt, müssen wir verstehen, wie andere Menschen ebenfalls eine Verbindung zu dieser Idee entwickeln können.
3. Was die Forschung zeigt: Vom individuellen zum gemeinsamen Ownership
Von „meins“ zu „unseres“
Genau diese Situation untersuchten Steven Gray, Andrew Knight und Markus Baer bei neu gegründeten kreativen Teams, die nicht gemeinsam bei null begannen. Eine Person brachte bereits eine Idee mit, und anschließend sollte eine Gruppe diese Idee gemeinsam weiterentwickeln. Dadurch entsteht zunächst eine Ownership-Asymmetrie, weil der Ideengeber die Idee als „meine Idee“ wahrnehmen kann, während die anderen Teammitglieder zunächst an „seiner“ oder „ihrer Idee“ arbeiten.
Die Forschenden untersuchten 79 Teams mit insgesamt 389 Personen, die in einem Gründerwettbewerb an einem intensiven Wochenende eine mitgebrachte Geschäftsidee weiterentwickelten, und ergänzten diese Untersuchung um eine qualitative Analyse von 27 Teams in einem universitären Startup-Programm. Ihr Interesse galt dem, was die Forschung als Collective Psychological Ownership bezeichnet. Pierce und Jussila beschreiben damit einen gemeinsamen psychologischen Zustand, bei dem sich nicht nur einzelne Personen mit etwas verbunden fühlen, sondern in einer Gruppe ein geteiltes Gefühl des „Unseren“ entsteht.
Der Befund ist auf den ersten Blick überraschend, weil zwei Verhaltensweisen der Person, die die Idee mitgebracht hatte, gemeinsam zur Entstehung dieses geteilten Ownerships beitrugen, obwohl sie zunächst in entgegengesetzte Richtungen zu weisen scheinen. Die erste ist Hilfesuche. Wer das Team aktiv um Unterstützung und Beiträge bittet, stärkt die Identifikation der anderen mit dem Team und seiner gemeinsamen Arbeit. Die zweite ist ausgerechnet das Markieren der Idee als die eigene. Es signalisiert, dass die Person persönlich hinter der Idee steht und sie für wertvoll hält, und kann verhindern, dass im Team destruktive Konflikte darüber entstehen, wer die Idee eigentlich kontrolliert.
Entscheidend war offenbar die Kombination. Wer den Ursprung seiner Idee klarmacht und gleichzeitig ernsthaft um Mitwirkung bittet, schafft beides: Orientierung darüber, woher die Idee kommt, und Raum dafür, dass andere sie mitgestalten. Teams, in denen stärkeres gemeinsames Ownership entstand, zeigten bessere frühe Leistungen und eine höhere Bereitschaft, auch künftig zusammenzuarbeiten.
Nicht das „Das ist meine Idee“ an sich ist das Problem, sondern ein „meine Idee“, das keine Einladung enthält. Vieles spricht deshalb dafür, dass Psychological Ownership nicht zwangsläufig wie ein Kuchen funktioniert, bei dem für eine Person weniger übrig bleibt, sobald eine andere Person ein Stück bekommt. Allerdings ist bislang kaum untersucht, wie sich das individuelle Ownership des Ideengebers im Zeitverlauf tatsächlich verändert, während gemeinsames Ownership entsteht. Viel interessanter als die Frage, wie Ownership abgegeben werden kann, ist deshalb die Möglichkeit, Ownership zu erweitern.
Andere einladen statt überzeugen
Wenn Hilfesuche so wichtig ist, stellt sich die Frage, wie Ideengeber andere Menschen eigentlich für ihre Idee gewinnen. Die Forschung bezeichnet diesen Vorgang als Idea Championing, also die Art, wie Menschen für eine Idee werben, Unterstützer suchen und sie gegen Widerstände voranbringen.
Joshua Mahaney, Thomas Gillier und Fiona Schweitzer untersuchten dabei eine bestimmte Strategie, die sie Consultation nennen. Der Begriff kann irreführen, weil „Konsultation“ im Alltag oft nur bedeutet, eine Meinung einzuholen. Gemeint ist hier etwas anderes, denn der Ideengeber bittet andere nicht um ein Urteil über seine Idee, sondern ausdrücklich darum, etwas zu ihr beizutragen.
Eine explorative Befragung von 204 Erfindern zeigte zunächst, dass diese Form der Consultation in Unternehmen tatsächlich genutzt wird. In drei anschließenden Laborexperimenten fanden die Forschenden Unterstützung für den Mechanismus, dass Consultation Psychological Ownership fördern kann und dieses wiederum mit höherem Commitment zur Idee verbunden ist.
Der Unterschied zur reinen Überzeugungsarbeit ist erheblich.
Ein Ideengeber kann sagen: „Hier ist meine Idee, ich habe sie ausgearbeitet und brauche jetzt eure Unterstützung.“ Die anderen können zustimmen, ablehnen oder Verbesserungsvorschläge machen, doch die grundlegende Rollenverteilung bleibt bestehen, weil es weiterhin seine Idee ist, zu der er Meinungen einholt. Er kann aber auch sagen: „Was fehlt noch, welche Annahmen stimmen nicht und wie könnten wir daraus gemeinsam eine bessere Lösung machen?“
Damit passiert psychologisch etwas anderes, weil andere Menschen nicht nur das Ergebnis fremder Arbeit bewerten. Sie investieren selbst Wissen, Zeit und Kreativität, und damit öffnet sich für sie genau jener Weg der Selbstinvestition, über den auch der Ideengeber selbst seine Verbindung zur Idee aufgebaut hat.
Zur Forschungslage
Die Arbeiten reichen von Laborexperimenten über Feldstudien in Gründerwettbewerben bis zu Fallstudien in drei norwegischen Unternehmen; betriebliche Ideenprozesse dauern länger und bringen mehr Hierarchie und Vorgeschichte mit. Motivation misst keine der Studien direkt – wir sprechen deshalb von Engagement. Dass Ownership erweitert statt geteilt werden kann, ist unsere eigene Verdichtung.
4. Diskussion und Einordnung: Chancen und Grenzen gemeinsamen Ownerships
In den Studien standen meist ein Ideengeber und ein Team einander gegenüber. Ein betrieblicher Ideenprozess ist komplizierter, weil eine Idee dort durch mehrere Hände geht, wie die Reise der Idee unserer Mitarbeiterin aus der Einleitung zeigt. Jede beteiligte Person hatte eine andere Beziehung zur Idee.
Ownership lässt sich nicht verordnen
Ein Unternehmen kann Verantwortung relativ einfach formal zuweisen, weil eine Führungskraft entscheiden kann, dass ab Montag ein bestimmtes Projektteam für die Umsetzung einer ausgewählten Idee zuständig ist. Die dazugehörige psychologische Reaktion lässt sich jedoch nicht auf dieselbe Weise anordnen. Ownership lässt sich deshalb nicht einfach übergeben, sondern Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, selbst etwas in eine Idee zu investieren.
Jede Rolle braucht einen eigenen Weg zur Idee
Die drei Wege zum Psychological Ownership stehen im Ideenprozess nicht allen Beteiligten gleichermaßen offen. Kontrolle lässt sich nicht beliebig verteilen, weil irgendjemand entscheiden muss und nicht jede Person über jeden Teil einer Idee bestimmen kann. Kennenlernen und Selbstinvestition lassen sich dagegen gestalten, indem ein Prozess festlegt, wer wann Einblick in eine Idee erhält und wer etwas zu ihr beitragen darf. Daraus ergeben sich für jede Rolle ein eigener Weg zur Idee und ein eigenes Risiko:
|
Rolle |
Typischer Beitrag |
Möglicher Weg zum Ownership |
Typisches Risiko |
|
Ideengeberin |
Problem erkennen, ersten Lösungsansatz entwickeln |
Selbstinvestition, anfänglich auch Kontrolle |
Idee wird zum Territorium; Rückzug, wenn der eigene Beitrag unsichtbar wird |
|
Kollegen und Fachexperten |
Ergänzen, verändern, kombinieren |
Selbstinvestition von Wissen |
Bleiben Kommentatoren, wenn nur ihre Meinung gefragt ist |
|
Mentor |
Fragen stellen, Annahmen prüfen, Orientierung geben |
Intensives Kennenlernen |
Übernimmt die Idee oder passt sie zu stark an das Bekannte an |
|
Unterstützer |
Unterstützen, priorisieren |
Kennenlernen, eher geringe Selbstinvestition |
Zustimmung ohne echte Verbindung |
|
Entscheider |
Auswahl, Ressourcen, Rahmen |
Kontrolle |
Verbindung entsteht über Macht statt über Beitrag |
|
Umsetzungsteam |
Validieren, bauen, einführen |
Kennenlernen und Selbstinvestition, sofern Gestaltungsraum besteht |
Die Idee bleibt „deren Projekt“ |
Beteiligung ist mehr als Feedback
Wenn Mitarbeitende Ideen ausschließlich kommentieren, liken oder bewerten dürfen, beteiligen sie sich zwar am Innovationsprozess, aber die grundlegende Ownership-Struktur verändert sich dadurch nicht zwangsläufig. Ein Like erlaubt Zustimmung ohne Investition. Erst wenn Menschen tatsächlich ergänzen, verändern, kombinieren oder weiterentwickeln dürfen, investieren sie einen Teil ihres eigenen Wissens und ihrer eigenen Kreativität.
Vielleicht können Ideen auch zu fertig sein.
Diese Erkenntnis führt zu einem zunächst paradoxen Gedanken, weil wir in vielen Innovationsprozessen versuchen, Ideen möglichst schnell möglichst konkret zu machen. Ideengeber sollen das Problem genau beschreiben, die Lösung erklären, den erwarteten Nutzen darstellen und möglichst bereits Aussagen zu Aufwand, Kosten oder Umsetzung machen.
Das erscheint sinnvoll, weil konkretere Ideen leichter verstanden und beurteilt werden können. Für die Entstehung gemeinsamen Ownerships kann eine vollständig ausgearbeitete Idee allerdings einen Nachteil haben, weil für andere Menschen kaum noch Raum bleibt, selbst etwas beizutragen.
Genau hier liefert die Untersuchung von Mahaney, Gillier und Schweitzer einen interessanten Befund. Consultation erwies sich insbesondere bei weniger stark ausgearbeiteten Ideen als hilfreich, weil diese mehr Möglichkeiten für eigene Beiträge boten. Bei stark ausgearbeiteten Ideen war dieser Raum kleiner, wodurch auch weniger Psychological Ownership aufgebaut wurde. Damit bekommt die Unfertigkeit einer Idee eine zweite Bedeutung.
In Kapitel 9 haben wir argumentiert, dass eine Idee nicht fertig geboren werden muss, aber so weit entwickelt werden sollte, dass sie fair beurteilt werden kann. Das ist kein Widerspruch: Dort ging es darum, eine Idee verständlich genug zu machen. Hier geht es darum, sie nicht so weit abzuschließen, dass niemand mehr etwas beitragen kann.
Eine gute Idee braucht genug Substanz, damit andere sie verstehen können, aber sie braucht auch genug Offenheit, damit andere noch etwas aus ihr machen können.
Aus Kapitel 9 und diesem Kapitel zusammen ergibt sich damit ein Reifekorridor: genug Ausarbeitung, damit andere eine Idee fair beurteilen können, und genug Offenheit, damit sie noch etwas beitragen können. Mentoring arbeitet an der Untergrenze, Mitgestaltung braucht die Obergrenze.
Ownership muss durch den Prozess mitwandern
Die Frage, wer an welcher Stelle einen Beitrag leisten kann, wird spätestens dann dringlich, wenn eine Idee ausgewählt ist und danach möglicherweise völlig andere Personen die Validierung, Projektarbeit, Umsetzung oder Skalierung übernehmen. Mit jedem Übergang verändert sich der Kreis der beteiligten Menschen.
Ein Team hat beispielsweise monatelang an einer Lösung gearbeitet und übergibt sie anschließend an eine andere Abteilung. Für das erste Team ist es „unser Projekt“, während es für das zweite Team zunächst „deren Projekt“ sein kann, das nun zusätzlich zur eigenen Arbeit umgesetzt werden soll. Auf dem Organigramm ist die Übergabe abgeschlossen, psychologisch muss sie deshalb noch lange nicht abgeschlossen sein.
Sætre, Edmondson, Dregelid und Zimmer untersuchten solche Innovationsübergaben in drei norwegischen Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen, einem Energieunternehmen, einem Handelsunternehmen und einer Regionalbank. Ihre Fallstudien liefern Hinweise darauf, dass geteiltes Psychological Ownership in der übernehmenden Einheit erfolgreiche Übergaben begünstigen kann. Fehlte dieses Gefühl, wurden Projekte nach der Übergabe teilweise sogar ganz aufgegeben. Begünstigt wurde das geteilte Ownership, wenn die übernehmenden Personen über längere Zeit aktiv in die Entwicklung eingebunden waren. Die Autoren sprechen dabei von Shared Psychological Ownership, was im Kern demselben geteilten Gefühl des „Unseren“ entspricht, das Pierce und Jussila beschreiben.
Die nächste Gruppe muss deshalb nicht nur verstehen, was umgesetzt werden soll. Sie braucht die Möglichkeit, selbst eine Beziehung zur Lösung aufzubauen, und zwar idealerweise nicht erst im Moment der Übergabe, sondern bereits davor.
Bei einer Übergabe genügt es nicht, Informationen und Verantwortung weiterzugeben – auch Ownership muss sich erweitern können.
Anerkennung ist nicht dasselbe wie Kontrolle
Damit können wir zur ursprünglichen Frage zurückkehren: Was passiert mit dem ursprünglichen Beitrag, wenn andere eine Idee mitgestalten? Dieser Beitrag muss nicht verschwinden. Hier lohnt sich eine Unterscheidung zwischen Anerkennung und Kontrolle. Eine Organisation kann sichtbar machen, wer einen ursprünglichen Gedanken eingebracht hat, ohne dieser Person dauerhaft die alleinige Kontrolle über jede weitere Entwicklung zu geben.
Die Mitarbeiterin aus unserem Beispiel bleibt diejenige, die das ursprüngliche Problem erkannt und den ersten Lösungsansatz entwickelt hat. Andere Menschen haben trotzdem etwas Wertvolles ergänzt – bis hin zum Projektteam, das aus dem ursprünglichen Konzept überhaupt erst eine funktionierende Lösung gemacht hat. Diese Beiträge müssen nicht miteinander konkurrieren.
Hier schließt sich auch der Kreis zum Territoriumsproblem: Überträgt man den Befund von Gray und Kollegen auf die Organisation, dann muss ein Ideengeber seine Idee weniger verteidigen, wenn sein Beitrag ohnehin sichtbar bleibt. Anerkennung kann damit einen Teil jener Sicherheit geben, die sonst über Kontrolle gesucht wird. Gleichzeitig bedeutet gemeinsames Ownership nicht, die Geschichte einer Idee so umzuschreiben, als wäre sie plötzlich von allen gleichzeitig erfunden worden.
Daraus ließe sich ableiten, dass mehr Beteiligung grundsätzlich zu besseren Innovationen führt. Doch gemeinsames Ownership hat Grenzen und kann eigene Nebenwirkungen erzeugen.
· Nicht jede Idee sollte demokratisiert werden. In Kapitel 6 haben wir gesehen, dass kollektive Intelligenz nicht automatisch entsteht, sobald viele Menschen beteiligt werden. Soziale Beeinflussung kann Unterschiede reduzieren, Gruppen können sich zu früh auf bestimmte Lösungen konzentrieren und relevantes Wissen kann im Austausch verloren gehen. Eine radikale Idee kann eine Person brauchen, die sie gegen frühen Widerstand verteidigt, während eine technische Detailentscheidung nicht von der gesamten Organisation diskutiert werden muss.
· Ideen können glattgeschliffen werden. Jeder zusätzliche Beitrag kann eine Idee verbessern, er kann sie aber auch ein Stück näher an das Bekannte, das Konsensfähige und das Unauffällige heranführen. Auch eine klare Produktvision kann an Qualität verlieren, wenn jede einzelne Präferenz integriert werden soll. Kapitel 9 hat dasselbe Risiko beim Mentoring beschrieben.
· Wenn allen alles gehört, fühlt sich womöglich niemand zuständig. Gemeinsames Ownership kann Engagement verbreitern, es kann aber auch Verantwortung verwischen. Die hier betrachtete Forschung untersucht diese Gefahr nicht direkt, doch es ist naheliegend, dass ein geteiltes Gefühl des „Unseren“ eine klare Zuständigkeit nicht ersetzen kann. Irgendjemand muss den nächsten Schritt tun.
· Beteiligung kann zur Scheinbeteiligung werden. Consultation ist nicht nur ein Ausdruck von Offenheit, sondern auch eine Strategie, um Unterstützer zu gewinnen. Wenn Menschen zwar um Beiträge gebeten werden, diese aber erkennbar keine Rolle spielen, entsteht vermutlich kein Ownership, sondern eher Misstrauen gegenüber der nächsten Einladung.
· Ideen können angeeignet werden. Je weiter eine Idee durch die Organisation wandert, desto größer ist die Gefahr, dass sie am Ende vor allem mit jenen verbunden wird, die sie präsentieren, entscheiden oder umsetzen. Häufig sind das Personen mit mehr Sichtbarkeit oder einer höheren Position als die ursprüngliche Ideengeberin. Wenn Menschen erleben, dass ihr Beitrag auf diesem Weg verschwindet, liegt es nahe, dass sie ihre nächste Idee eher für sich behalten oder von Anfang an stärker abgrenzen. Auch hier wirkt die Entwicklung auf die Aktivierung zurück (Kapitel 3).
· Individuelles Ownership bleibt notwendig. Es bleibt wertvoll, solange es nicht zu einer undurchlässigen Grenze wird, die andere Menschen von der Weiterentwicklung ausschließt.
Collective Psychological Ownership ist deshalb kein Ziel an sich. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, den richtigen Menschen an den richtigen Stellen echte Möglichkeiten zur Mitgestaltung zu geben, ohne dabei Zuständigkeit, Richtung und Anerkennung zu verlieren.
5. Bedeutung für das Ideenmanagement: Ownership gestalten und weitergeben
Damit lässt sich der bisherige Gedankengang zu einem Modell verdichten, das Ownership nicht als einmaligen Zustand, sondern als Bewegung durch drei Stufen beschreibt. Das Modell ist unsere eigene Verdichtung der Forschung und keine empirisch geprüfte Abfolge. Es reicht über einen einzelnen Übergang hinaus: Die ersten beiden Stufen gehören zur Entwicklung, die dritte zur Realisierung (Kapitel 14–16). Ownership ist damit eines der Konzepte, die mehrere Fähigkeiten des Kreislaufs zusammenhalten.
1. Individuelles Ownership entsteht durch Investition. Die Selbstinvestition an Zeit, Wissen und Kreativität macht aus irgendeiner Idee zunächst meine Idee.
2. Gemeinsames Ownership entsteht durch Mitgestaltung. Andere Menschen entwickeln eine Verbindung zur Idee, wenn sie nicht nur bewerten, sondern ergänzen, verändern und weiterentwickeln dürfen, und wenn der Ideengeber sie dazu ausdrücklich einlädt.
3. Weitergegebenes Ownership entsteht durch begleitete Übergänge. Wenn eine Idee in die Umsetzung geht, übernehmen oft neue Menschen. Sie sollten früh beteiligt werden und eigene Gestaltungsmöglichkeiten erhalten, statt erst bei der formalen Übergabe mit einem fertigen Projekt konfrontiert zu werden.
Über alle drei Stufen hinweg gilt ein gemeinsames Prinzip, das sich in drei Schritten zusammenfassen lässt:
Den Ursprung anerkennen, die Weiterentwicklung öffnen und die Beteiligung gezielt gestalten.
Die meisten Konsequenzen in diesem Kapitel betreffen nicht die Software eines Ideenprozesses, sondern Vorlagen, Rollenverständnis, Gremien und Anerkennungskultur.
Offene Fragen ausdrücklich einfordern. Viele Einreichungsformulare fragen nach Problem, Lösung, Nutzen und Aufwand, aber kaum danach, was an einer Idee noch offen ist. Ein einfaches Feld wie „Wo braucht diese Idee noch Unterstützung?“ verändert die Botschaft. Es signalisiert, dass eine Idee nicht perfekt sein muss, und es zeigt anderen, wo sie etwas beitragen können.
Ideengeber als Einladende stärken. Wer eine Idee vorstellt, sollte nicht nur lernen, sie überzeugend zu präsentieren, sondern auch, andere gezielt einzubeziehen. Fragen wie „Welche Annahme würdest du als Erstes prüfen?“ oder „Was fehlt aus deiner Sicht noch?“ laden zur Mitarbeit ein, während eine fertige Präsentation vor allem zur Zustimmung oder Ablehnung einlädt. Führungskräfte können diese Haltung vorleben, wenn sie eigene Vorschläge ebenfalls als offene Entwürfe einbringen.
Beiträge sichtbar machen und würdigen. Wer eine Idee eingebracht hat, sollte auch später noch erkennbar sein. Gleichzeitig sollten die Beiträge anderer nicht verschwinden, etwa indem Entscheidungsvorlagen und Projektdokumente nicht nur den Ideengeber, sondern auch die wesentlichen Mitgestalter nennen. Anerkennungs- und Prämienmodelle, die ausschließlich den Ideengeber belohnen, verstärken dagegen genau jene Logik, nach der eine Idee nur einer Person gehört.
Umsetzungsteams früh einbinden. Wenn klar ist, welche Abteilung eine Idee später umsetzen müsste, sollten Menschen aus dieser Abteilung bereits an der Weiterentwicklung oder Validierung beteiligt werden. Eine Übergabe sollte eher als Phase mit Überlappung verstanden werden denn als Termin, an dem ein Dokument den Besitzer wechselt. Die Ideengeberin kann dabei als Ansprechpartnerin erhalten bleiben, ohne weiterhin über jede Entscheidung zu bestimmen.
6. Fazit: Wem gehört eine Idee?
Am Anfang eines Innovationsprozesses kann die Antwort ziemlich eindeutig sein, weil eine Person ein Problem erkannt und daraus einen ersten Lösungsansatz entwickelt hat. Sie kann mit gutem Grund sagen, dass es ihre Idee ist.
Sobald eine Idee ausgesprochen wird, verändern andere Menschen sie jedoch – und damit auch das Ownership an ihr. Die Antwort auf unsere Forschungsfrage lautet deshalb: Das Ownership des Ideengebers muss nicht kleiner werden, wenn andere mitwirken. Es kann sich auf weitere Menschen ausdehnen, wenn diese tatsächlich etwas in die Idee investieren dürfen und der Ideengeber sie dazu einlädt.
Innovation braucht nicht weniger Ownership, sondern mehr Menschen, die Ownership entwickeln können.
Aus „Das ist meine Idee“ kann dadurch zunächst „Wir arbeiten an deiner Idee“ und schließlich „Wir entwickeln unsere Idee“ werden. Eine Idee muss ihren Urheber nicht verlieren, um zu unserer Idee zu werden.
7. Was daraus folgt
● Wer in eine Idee investiert, entwickelt Psychological Ownership – mit Engagement, aber auch Territorialität als möglicher Folge.
● Wer um Mitwirkung bittet, statt nur zu überzeugen, kann bei anderen Ownership und Commitment erzeugen.
◐ Ownership kann erweitert statt geteilt werden – in drei Stufen: individuell, gemeinsam, weitergegeben.
● = durch zitierte Forschung direkt gestützte Aussage · ◐ = wissenschaftlich begründete Ableitung
8. Literatur & Quellen
Brown, G. & Baer, M. (2015). Protecting the Turf: The Effect of Territorial Marking on Others’ Creativity. Journal of Applied Psychology, 100(6), 1785–1797. DOI: 10.1037/a0039254.
Gray, S. M., Knight, A. P. & Baer, M. (2020). On the Emergence of Collective Psychological Ownership in New Creative Teams. Organization Science, 31(1), 141–164. DOI: 10.1287/orsc.2019.1307.
Mahaney, J., Gillier, T. & Schweitzer, F. (2025). Championing New Ideas with Consultation. Journal of Product Innovation Management, 42(3), 614–638. DOI: 10.1111/jpim.12776.
Pierce, J. L. & Jussila, I. (2010). Collective Psychological Ownership Within the Work and Organizational Context: Construct Introduction and Elaboration. Journal of Organizational Behavior, 31(6), 810–834. DOI: 10.1002/job.628.
Pierce, J. L., Kostova, T. & Dirks, K. T. (2001). Toward a Theory of Psychological Ownership in Organizations. Academy of Management Review, 26(2), 298–310. DOI: 10.5465/amr.2001.4378028.
Pierce, J. L., Kostova, T. & Dirks, K. T. (2003). The State of Psychological Ownership: Integrating and Extending a Century of Research. Review of General Psychology, 7(1), 84–107. DOI: 10.1037/1089-2680.7.1.84.
Sætre, A. S., Edmondson, A. C., Dregelid, O. & Zimmer, S. R. (2024). Psychological Ownership for Overcoming Departmental Barriers to Innovation: A Study of Innovation Handoffs. Journal of Engineering and Technology Management, 73, 101831. DOI: 10.1016/j.jengtecman.2024.101831.
Zhang, Y., Liu, G., Zhang, L., Xu, S. & Cheung, M. W.-L. (2021). Psychological Ownership: A Meta-Analysis and Comparison of Multiple Forms of Attachment in the Workplace. Journal of Management, 47(3), 745–770. DOI: 10.1177/0149206320917195.
Unternehmen sammeln Ideen, bewerten sie und entscheiden über ihre Umsetzung. Doch was geschieht mit dem Wissen, das dabei entsteht? Die Forschung zeigt, warum erfolgreiche, gescheiterte und abgelehnte Ideen unterschiedliche Erkenntnisse liefern und wie Organisationen verhindern können, dass wertvolle Erfahrungen verloren gehen.
Viele Ideen, hohe Beteiligung und zahlreiche Umsetzungen gelten als Zeichen eines erfolgreichen Ideenmanagements. Doch diese Kennzahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Die Forschung zeigt, warum Innovationserfolg auf unterschiedlichen Ebenen gemessen werden muss und weshalb auch verworfene Ideen wertvolle Erkenntnisse liefern können.
Zu wenig Struktur macht Innovation zufällig, zu viel Struktur macht sie schwerfällig. Die Forschung zeigt, warum Unternehmen nicht möglichst viele Prozessschritte benötigen, sondern klare Verantwortlichkeiten an den entscheidenden Übergängen zwischen Idee und Umsetzung.
Kleine und mittlere Unternehmen müssen innovativ bleiben, verfügen aber selten über eine eigene Innovationsabteilung. Die Forschung zeigt, warum Innovation trotzdem systematisch organisiert werden kann und welche Rolle Mitarbeitende, klare Verantwortlichkeiten und externe Wissensquellen dabei spielen
